Sollen Burlesque-Newcomer umsonst auftreten?

Ruby Tuesday bei der Munich Allstars Show der Filly Follies, Foto https://jungundwild-design.de
Ruby Tuesday bei der Filly Follies Munich Allstars Show, Foto https://jungundwild-design.de

Keiner macht Burlesque des Geldes wegen, so viel ist sicher. Trotzdem sollten Performer ihren Wert kennen und sich nicht unter selbigem verkaufen.

Natürlich kann ein Newcomer nicht die gleiche Gage verlangen wie ein etablierter Performer, aber umsonst sollte niemand auftreten. Ich schreibe absichtlich „umsonst“ und nicht „kostenlos“, denn manchmal kann ein Auftritt ohne Gage Sinn machen, wenn er einen anderen Nutzen bringt, z. B. wenn man ein hochwertiges Video seines neuen Acts erhält oder es sich um eine Veranstaltung für einen guten (!) Zweck handelt.

Wenn aber Anfragen von Fremden – besonders von Firmen oder Veranstaltern außerhalb der Burlesqueszene – kommen, die „leider kein Budget haben“ oder einen kostenlosen Auftritt als „tolle Werbemöglichkeit für Dich“ verkaufen wollen, kann es nur eine Antwort geben: „Nein!“

Natürlich formuliert man die Antwort nicht so, sondern schreibt sowas wie: „Vielen Dank für Ihre Anfrage … für XXX € bin ich gerne bereit, bei Ihrer Veranstaltung aufzutreten.“ Somit signalisiert man nicht nur Bereitschaft zur Zusammenarbeit, sondern stellt gleich klar, was eine Burlesqueperformance wert ist.

Ein Newcomer denkt nun vielleicht „Ich brauche dringend Bühnenerfahrung, also mache ich den Auftritt für die Firma XY umsonst, bringt mir sicher auch Fans!“

Dieser Gedanke ist natürlich nachvollziehbar, wenn man gerade erst ein paar mal in der Show der Tanzschule aufgetreten ist. Leider ist aber das zu erwartende Publikum bei einer externen Anfrage für einen kostenlosen Auftritt in keiner Weise mit einem Publikum bestehend aus Familien und Freunden zu vergleichen. Auf z. B. einer Messe oder in einem Laden ist man i. d. R. der einzige Burlesqueperformer, hat oft keinen richtigen Backstagebereich, keine richtige Bühne, wird nicht oder falsch angekündigt und tritt meist vor Leuten auf, die nicht wissen was Burlesque ist, und die eigentlich wegen etwas anderem zur Veranstaltung gekommen sind. Der Spaß hält sich also in Grenzen.

Doch noch etwas sollte ein Newcomer bedenken: klar, Du hattest schon ein paar Auftritte und bist super stolz auf Deinen zweiten Act, aber Deine Performance und Deine Kostüme sind höchstwahrscheinlich noch nicht so ausgereift wie die eines etablierten Burlesqueperformers, der schon viele hundert Stunden und Euro mit Recherche, Training, Nähen und Makeuptutorials verbracht hat. Wenn Du aber als „Burlesque“ angekündigt wirst, weiss das unkundige Publikum nicht, daß Du noch nicht so lang dabei bist und wird Dich mit dem ganzen (unbekannten) Genre Burlesque gleichsetzen, was Aussagen schürt wie „jeder kann Burlesque machen“ (prinzipiell ja, aber richtig gut wird man nur mit viel Leidenschaft, Ausdauer, Kreativität und Arbeit) oder „da zieht halt eine auf der Bühne ihr Korsett aus“ .

Dazu kommt noch, daß bezahlte Burlesqueauftritte sehr rar gesäht sind und die Bereitschaft von Veranstaltern bzw. Kunden einen professionellen* Performer zu einem angemessenen Preis zu buchen noch weiter sinkt, wenn sie auch einen Newcomer für sehr wenig Geld oder gar 0€ bekommen können.

Wie also soll man Bühnenerfahrung sammeln?
Tanzschulinterne Veranstaltungen sind eine tolle Möglichkeit, in sicherer Umgebung zu üben. Bevor man das erste Mal „in freier Wildbahn“ auftritt, sollte man sich gut überlegen, ob es vielleicht negative Konsequenzen im Job haben könnte, wenn man von jemandem aus dem beruflichen Umfeld gesehen wird.
Gute Stagemaids werden bei Burlesqueshows immer gesucht und dieser Posten ist eine großartige Möglichkeit, Erfahrung auf der Bühne zu sammeln, aus erster Hand von guten Performern zu lernen, Einblicke in die Organisation von Shows zu bekommen und Kontakte in der Szene zu knüpfen.
Natürlich kann man sich auch als Newcomer gezielt bei Shows bewerben, vorher sollte man aber recherchieren, ob man zur jeweiligen Show passt und dann eine Email mit Infos, Fotos und einem Link zum Video des/der Acts zusammenstellen und an den Veranstalter schicken.
Zuletzt gibt es natürlich noch die „Open Stages“, die man sich aber unbedingt im einzelnen ansehen sollte, bevor man beschliesst dort aufzutreten.

Wann ist man kein Newcomer mehr?
Dafür gibt es keine festen Regeln, ich würde sagen, wenn man über einen längeren Zeitraum hinweg mehr oder weniger regelmäßig gegen Bezahlung auftritt.

Fazit: Gute Burlesqueperformer und gut bezahlte Burlesqueauftritte fallen beide nicht vom Himmel, also wünsche ich Euch viel Motivation und Durchhaltevermögen und sage „an die Arbeit“!

*mit „professionell“ meine ich einen Performer, der eine hochwertige Show auch unter schwierigen Bedingungen abliefert, nicht jemanden, der ausschließlich von Burlesque lebt, denn das ist in Deutschland nahezu unmöglich.

Advertisements